tl;dr: Stephen Porges' Polyvagal-Theorie ist als evolutionsbiologisches Modell weitgehend widerlegt - Grossman & Taylor 2007, Grossman 2016 und Taylor et al. 2022 haben tragende Annahmen empirisch zerlegt, bis hin zum Etikett „Zombie-Theorie". Was trotzdem bleibt, ist eine grobe klinische Landkarte (ruhig-verbunden / mobilisiert / erstarrt), die Betroffenen hilft, Zustände zu benennen. Das Modell ist falsch und nützlich zugleich - und genau diese Unterscheidung verschwindet auf den Reels, die es verkaufen.
Ich stehe in der Küche, das Handy in der Hand, und schaue zum dritten Mal denselben Clip. Eine sanfte Stimme, eine Grafik mit drei farbigen Balken, eine Hand, die über das eigene Brustbein streicht. „Wenn du in dorsalem Vagus festhängst, ist dein Nervensystem im Shutdown. So aktivierst du wieder deinen ventralen Vagus." Darunter: 1,2 Millionen Likes. Ich kenne das Vokabular, ich habe es selbst jahrelang benutzt, ohne nachzufragen, woher es kommt. Ventral, sympathisch, dorsal. Die Leiter rauf in die Sicherheit, runter in die Erstarrung. Es klingt sauber, es klingt wissenschaftlich, es klingt nach etwas, das man messen kann.
Dann fällt mir Benjamin ein, und mit ihm die Mail, die er mir vor Monaten geschrieben hatte, nachdem ich in einem früheren Text genau dieses Bild ohne Fußnote verwendet hatte. Benjamin ist Neurowissenschaftler und Psychiater, einer von der Sorte, die zuhören, bevor sie widersprechen - und die dann präzise widersprechen, mit Autor, Jahr und Effektstärke. Seine Mail hatte mit dem Satz angefangen, den ich inzwischen fast auswendig kann:
„Erlauben Sie mir den Widerspruch. Das, was Sie da als Neurobiologie verkaufen, ist seit 2016 in der psychophysiologischen Fachliteratur als - ich zitiere - ‚Zombie-Theorie' bezeichnet. Sie zitieren ein Modell, dessen evolutionäre Kernannahme als widerlegt gilt. Das heißt nicht, dass das Bild nichts taugt. Es heißt, dass Sie aufhören sollten, es als Faktum auszugeben."
Ich gebe Benjamins Worte so wieder, wie ich sie in Erinnerung habe; er ist, wie alle Figuren hier außer mir, eine verdichtete Gestalt aus mehreren realen Begegnungen. Die Mail aber traf einen wunden Punkt - und sie ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe. Denn ich hatte das Modell geglaubt, weil es sich gut anfühlte. Das ist kein gutes Kriterium für Wahrheit.
Was ist Polyvagal-Kritik?
Kurz und unbequem: Die Polyvagal-Theorie des US-Psychophysiologen Stephen Porges beschreibt das autonome Nervensystem als dreistufige „Leiter" - ein evolutionär neuer, ventraler Ast des
Die Polyvagal-Kritik sagt: Die evolutionsbiologische Begründung dieses Modells hält der Empirie nicht stand. Drei zentrale Annahmen - dass der ventrale Vagus-Ast (Nucleus ambiguus) evolutionär neu und nur bei Säugetieren ausgeprägt sei, dass die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA, das Mitschwingen des Herzschlags mit dem Atem) ein spezifischer Marker genau dieses Astes sei, und dass daraus eine saubere Hierarchie der Zustände folge - sind durch vergleichende Physiologie und durch die RSA-Forschung weitgehend widerlegt (Grossman & Taylor 2007; Grossman 2016; Taylor et al. 2022).
Und doch: Als grobe klinische Heuristik - als Sprachangebot, um innere Zustände zu sortieren - ist das dreistufige Bild bei vielen Therapeut:innen und Betroffenen im Einsatz und wird als hilfreich erlebt. Der ganze Streit dreht sich um diese Trennung: Die Theorie ist als Naturgesetz falsch und als Landkarte brauchbar. Wer das eine mit dem anderen verwechselt, macht entweder aus einer Metapher ein Dogma - oder wirft mit dem Dogma die brauchbare Metapher weg.
Was Porges beansprucht
Damit die Kritik trifft, muss man fair referieren, was sie kritisiert. Porges hat seine Theorie über drei Jahrzehnte entwickelt, gesammelt vor allem in The Polyvagal Theory (Porges 2011). Die starke, evolutionsbiologische Lesart geht ungefähr so:
- Der Vagusnerv habe zwei funktionell getrennte Äste mit unterschiedlichem stammesgeschichtlichem Alter. Ein evolutionär alter, „unmyelinisierter" dorsaler Ast (Ursprung im dorsalen Vaguskern) steuere bei extremer Bedrohung das reptilientypische „Totstellen" - Immobilisierung, Shutdown, Dissoziation.
- Ein evolutionär junger, myelinisierter ventraler Ast (Ursprung im Nucleus ambiguus) sei eine Säugetier-Errungenschaft und bilde die physiologische Grundlage von Sicherheit, Mimik, Stimme und sozialer Bindung - Porges nennt das Social Engagement System.
- Zwischen beiden liege der Sympathikus (Kampf/Flucht).
- Bei Bedrohung „de-evolviere" das System die Leiter hinunter: erst weg vom sozialen Engagement, dann in die Mobilisierung, im Extremfall in die dorsale Erstarrung. Diese Reihenfolge nennt Porges Dissolution (nach Jackson).
- Als physiologisches Messfenster für den ventralen Ast dient die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) - die natürliche Schwankung der Herzfrequenz im Atemrhythmus. Hohe RSA gilt in dieser Lesart als Marker eines gut funktionierenden ventralen Vagus, also von „Sicherheit" und Regulationsfähigkeit.
Klinisch ist daraus ein einflussreiches Vokabular geworden: „im Toleranzfenster sein", „in den ventralen Zustand kommen", „aus dem Shutdown auftauchen". Es prägt trauma-informierte Therapieschulen, Yoga-Ausbildungen und - verkürzt bis zur Unkenntlichkeit - die Wellness-Reels in meiner Küche.
- Vagusnerv - der zehnte Hirnnerv, größter Nerv des Parasympathikus, verbindet Hirnstamm mit Herz, Lunge, Darm. Real und gut erforscht.
- RSA (respiratorische Sinusarrhythmie) - die Herzfrequenz steigt beim Einatmen leicht, sinkt beim Ausatmen. Ein realer, messbarer Effekt, oft als grobes Maß für „vagale Aktivität" benutzt.
- Polyvagal-Theorie - Porges' Deutung, die aus diesen realen Bausteinen ein evolutionäres Drei-Stufen-Modell baut. Die Bausteine sind echt; die Deutung ist das, was bestritten wird.
Grossman 2016: die „Zombie-Theorie"
Der schärfste Einwand kommt vom Psychophysiologen Paul Grossman, der die RSA seit Jahrzehnten erforscht - kein Esoterik-Gegner, sondern jemand aus genau dem Feld, dessen Befunde Porges für sich beansprucht.
Schon Grossman & Taylor 2007 legten in einem ausführlichen Review dar, dass die respiratorische Sinusarrhythmie eben kein sauberer, eindeutiger Index für „vagalen Tonus" ist: RSA hängt stark vom Atemmuster (Frequenz und Tiefe) ab, und der Zusammenhang zwischen RSA und tatsächlicher vagaler Kontrolle des Herzens ist viel lockerer und kontextabhängiger, als die einfache Gleichsetzung „hohe RSA = guter Vagus = Sicherheit" suggeriert (Grossman & Taylor 2007).
Grossman 2016 zog daraus die Konsequenz und nannte die Polyvagal-Theorie, in Anlehnung an die Wissenschaftstheorie, eine „Zombie-Theorie" - ein Modell, das empirisch eigentlich tot ist, aber weiterläuft, weil es klinisch und kulturell so attraktiv ist (Grossman 2016). Seine Kernpunkte, soweit ich sie referieren kann:
- Die evolutionäre Prämisse stimmt vergleichend-anatomisch nicht. Die Behauptung, ein myelinisierter, vom Nucleus ambiguus ausgehender Vagus-Ast sei eine exklusive Säugetier-Neuerung, lässt sich gegen die vergleichende Physiologie der Wirbeltiere nicht halten - relevante kardiale Vagus-Innervation aus diesem Kerngebiet findet sich auch außerhalb der Säugetiere.
- RSA ist kein spezifischer Marker des „sozialen" Vagus. Die Theorie braucht RSA als Brücke zwischen Physiologie und Erleben - aber RSA misst nicht eindeutig das, was sie messen soll.
- Aus einer wackligen Physiologie folgt keine saubere Psychologie. Die ganze schöne Stufung der „Zustände" ruht auf diesem brüchigen Fundament.
Wichtig - und das betont Benjamin in jedem Gespräch -: Grossman greift nicht die Existenz des Vagusnervs an, nicht die Realität von RSA, nicht den klinischen Nutzen, sich auf Atmung und Beruhigung zu konzentrieren. Er greift die evolutionsbiologische Geschichte an, die Porges darum erzählt.
„Ich würde die Grossman-Kritik nicht als Argument gegen die Arbeit mit dem Nervensystem lesen. Ich würde sie als Argument dagegen lesen, eine therapeutische Metapher als bewiesene Neuroanatomie zu verkaufen. Das ist ein Unterschied, den die Reels nicht machen - und den manche Ausbildungsinstitute leider auch nicht machen." - Benjamin
Mechanismus
Die respiratorische Sinusarrhythmie schwankt mit dem Atemmuster: Wer langsamer und tiefer atmet, erzeugt fast automatisch eine höhere RSA - unabhängig davon, wie „sicher" oder „verbunden" sich derjenige fühlt. Deshalb lässt sich aus einer einzelnen RSA-Zahl nicht zuverlässig auf einen psychischen Zustand schließen. Die Gleichung „hohe RSA → ventraler Vagus → Sicherheit" überspringt mehrere Zwischenschritte, die in der Realität locker und kontextabhängig sind (Grossman & Taylor 2007). Atemübungen wirken - aber der Wirkmechanismus ist nicht das saubere Drei-Stufen-Bild.
Taylor 2022: die RSA-Spezifität fällt
Wenn Grossman 2016 das Gebäude für einsturzgefährdet erklärte, zog Taylor et al. 2022 einen weiteren tragenden Balken heraus. Die Arbeit zielt auf die Behauptung, die respiratorische Sinusarrhythmie sei ein spezifischer Ausdruck der Aktivität jenes ventralen, vom Nucleus ambiguus ausgehenden Vagus-Astes - also genau die Brücke, die die Polyvagal-Theorie zwischen ihrer Neuroanatomie und ihrer Psychologie braucht.
Taylor und Kolleg:innen argumentieren, dass diese Spezifitätsannahme physiologisch nicht haltbar ist: RSA entsteht aus einem Zusammenspiel mehrerer Mechanismen und Quellen und lässt sich nicht sauber einem einzelnen Hirnstamm-Kerngebiet als dessen exklusiver Signatur zuordnen (Taylor et al. 2022). Damit verliert die Theorie ihren Messanker - das, womit sie ihre Zustands-Landkarte empirisch zu erden versuchte.
Für die Praxis heißt das nüchtern: Eine
Bestritten:
- Der ventrale Vagus-Ast (Nucleus ambiguus) sei eine evolutionäre Säugetier-Neuerung (Grossman 2016).
- RSA sei ein spezifischer Index genau dieses Astes (Grossman & Taylor 2007; Taylor et al. 2022).
- Aus dieser Physiologie folge zwingend eine hierarchische „Dissolutions"-Abfolge der Zustände.
Nicht bestritten:
- Dass der Vagusnerv existiert und das Herz parasympathisch dämpft.
- Dass RSA ein realer, messbarer Effekt ist.
- Dass Atem-, Stimm- und Sicherheitsarbeit klinisch hilft.
- Dass Menschen die Zustände „ruhig / aufgedreht / erstarrt" subjektiv klar erleben.
Die Kritik trifft die evolutionäre Theorie, nicht die klinische Erfahrung.
Was didaktisch bleibt
Hier wird es interessant - und hier hätte ich vor Benjamins Mail vorschnell entweder das Modell verteidigt oder es komplett entsorgt. Beides wäre falsch.
Denn die Erfahrung, die das Modell beschreibt, verschwindet ja nicht, nur weil seine evolutionäre Begründung wackelt. Menschen erleben drei grob unterscheidbare Gemütslagen: ruhig und verbunden; aufgedreht, mobilisiert, kampf- oder fluchtbereit; erstarrt, leer, abgeschnitten, wie unter einer Glasglocke. Diese phänomenologische Dreiteilung ist alltagsnah, sie deckt sich grob mit dem, was die Stress- und Traumaforschung als Hyperarousal und Hypoarousal beschreibt, und sie gibt Betroffenen etwas Kostbares: Worte für einen Zustand, der sich sonst namenlos und beschämend anfühlt.
Um zu prüfen, ob das nur meine wohlwollende Lesart ist, habe ich mit Helene gesprochen - Trauma-Therapeutin, sensomotorisch und Polyvagal-informiert ausgebildet, jemand, der das Vokabular täglich benutzt und trotzdem kein Wort esoterisch meint. Sie spricht leise und lässt Pausen stehen.
„Ich sage meinen Klientinnen nicht: ‚Dein Nucleus ambiguus ist online.' Ich sage: ‚Was nimmst du gerade wahr - im Körper, nicht im Kopf?' Und wenn jemand merkt: ‚Ich bin nicht aufgeregt, ich bin leer, ich bin weg' - dann ist das Wort für diese Leere Gold wert. Ob die Evolutionsgeschichte dahinter stimmt, ist mir in dem Moment egal. Mir geht es darum, dass die Person aufhört, sich für die Leere zu verurteilen." - Helene
Genau das ist der Wert, der bleibt: nicht eine Theorie über Stammesgeschichte, sondern eine Sprache der Selbstwahrnehmung. Das verwandte Bild des Toleranzfensters leistet im Kern dasselbe - eine Landkarte, kein Naturgesetz. Helene sagt einen Satz, den ich mir aufgeschrieben habe: „Sicherheit ist die Tiefe." Womit sie meint: Bevor man an irgendeiner Technik arbeitet, muss der Boden stimmen. Das ist keine Aussage über Hirnstamm-Kerne. Es ist eine Haltung - und die hält, auch wenn die Theorie fällt.
Benjamin und Helene sind übrigens nicht einer Meinung, und das ist der ehrlichste Teil dieses Textes. Er besteht auf der sauberen Trennung von Beleg und Metapher; sie verteidigt den klinischen Nutzen der Metapher. Aber sie streiten nicht gegeneinander, sie sortieren nur verschiedene Ebenen. Benjamin hat es in einem späteren Gespräch selbst so gesagt:
„Mea culpa, ich habe Modelle wie dieses früher pauschal abgeräumt - falsch ist falsch, fertig. Das war zu grob. Ein Modell kann empirisch falsch und didaktisch wertvoll sein, solange man die Etiketten nicht vertauscht. Eine Landkarte ist auch nicht das Gelände, und trotzdem findet man mit ihr nach Hause." - Benjamin
Drei Blickwinkel auf dasselbe Modell
- Porges (Urheber): Ein integratives neurophysiologisches Modell, das erklärt, wie Sicherheit, Bindung und Traumareaktionen zusammenhängen - empirisch fundiert (Porges 2011).
- Grossman / Taylor (Kritik): Eine evolutionsbiologisch und psychophysiologisch nicht haltbare Theorie - „Zombie-Theorie", deren RSA-Anker nicht trägt (Grossman 2016; Taylor et al. 2022).
- Klinische Praxis (Helene-Linie): Unabhängig vom Streit um die Anatomie ein brauchbares Sprach- und Wahrnehmungsangebot, das Betroffenen hilft, Zustände zu benennen und zu regulieren.
Wo ich selbst falsch lag
Ich schulde an dieser Stelle die ehrliche Negativ-Note, sonst klänge das, als hätte ich die Unterscheidung immer schon sauber gehabt. Hatte ich nicht.
Ich habe das polyvagale Vokabular jahrelang benutzt, als wäre es geprüfte Neuroanatomie. Ich habe in Gesprächen Sätze gesagt wie „dein dorsaler Vagus übernimmt gerade", mit der ruhigen Autorität von jemandem, der eine Fußnote im Rücken zu haben glaubt. Ich hatte keine. Ich hatte ein gutes Gefühl, ein schönes Bild und die Tatsache, dass es bei Leuten ankam - und ich habe das Ankommen mit Wahrheit verwechselt. Als Benjamins Mail kam, war mein erster Impuls Verteidigung: Aber es hilft doch! Erst beim zweiten Lesen verstand ich, dass „es hilft" und „es ist neurobiologisch bewiesen" zwei völlig verschiedene Behauptungen sind, und dass ich routiniert die zweite gemacht hatte, obwohl ich nur die erste belegen konnte.
Schlimmer: Ich habe einmal einem Menschen, der nach einer überwältigenden Phase fragte, ob mit seinem Gehirn „etwas kaputt" sei, geantwortet, sein System sei „in den dorsalen Shutdown gegangen" - als wäre das eine Diagnose. Es war keine. Es war ein Etikett, das beruhigend klang und nichts erklärte. Was der Mensch gebraucht hätte, war das, was Helene tut: eine Frage nach dem Körper, kein lateinischer Hirnstamm-Begriff. Ich habe aus einer Metapher eine Pseudo-Diagnose gemacht, und das ist genau der Fehler, den Grossman an der Breitenvermarktung kritisiert - nur dass ich ihn selber begangen habe.
Was ich heute anders mache: Ich benutze das Bild noch, aber ich sage dazu, dass es ein Bild ist. „Manche Menschen erleben drei grobe Zustände - ruhig, aufgedreht, erstarrt." Kein „Vagus-Ast", kein „evolutionär alt". Der Verlust an wissenschaftlicher Aura ist real. Der Gewinn an Ehrlichkeit auch.
Kontroverse und Grenzen
Drei Dinge, bei denen ich gegen die glatte Version anschreiben muss - in beide Richtungen, denn hier gibt es zwei Übertreibungen, nicht eine.
Erstens, die Kritik ist nicht das letzte Wort, sondern ein starker Stand der Debatte. Porges und sein Umfeld haben auf die Einwände geantwortet; die Auseinandersetzung läuft in der Fachliteratur weiter. „Weitgehend widerlegt" heißt: Die evolutionsbiologische Kernannahme gilt in der psychophysiologischen Mehrheitslesart als nicht haltbar - es heißt nicht, dass jeder Forscher das so sieht oder dass jede einzelne Beobachtung von Porges falsch wäre. Wer die Kritik selbst zum neuen Dogma macht („Polyvagal ist kompletter Unsinn"), übertreibt in die Gegenrichtung.
Zweitens, „falsche Theorie" heißt nicht „nutzlose Praxis". Atemarbeit, langsames Ausatmen, das bewusste Spüren von Sicherheit im Körper - diese Interventionen wirken bei vielen Menschen, und sie wirken unabhängig davon, ob die polyvagale Begründung stimmt. Eine Methode kann aus den richtigen Gründen helfen, die nicht die behaupteten sind. Das ist in der Medizin eher die Regel als die Ausnahme.
Drittens, und das ist der Punkt, der mir am meisten unter die Haut geht: Das Vokabular kann Menschen dazu bringen, ihren Zustand an einer Messzahl festzumachen - „meine HRV ist niedrig, also bin ich im Shutdown". Genau diese Gleichsetzung ist es, die Grossman und Taylor demontieren. Eine HRV-Zahl auf der Smartwatch ist kein Seelenstand. Wer anfängt, sein Befinden aus dem Tracker abzulesen, hat sich einen neuen Grund zur Selbstüberwachung geschaffen - und Selbstüberwachung ist für ängstliche Menschen selten beruhigend.
Wichtig
Theorie (Anspruch auf Naturgesetz): „Dein ventraler Vagus ist evolutionär neu und steuert deine Sicherheit." → empirisch weitgehend widerlegt.
Heuristik (Anspruch auf Landkarte): „Menschen erleben grob drei Zustände - ruhig, aufgedreht, erstarrt; es hilft, sie zu benennen und am Körper anzusetzen." → klinisch brauchbar.
Solange man weiß, in welchem Modus man gerade spricht, ist beides legitim. Der Schaden entsteht, wenn die Landkarte als Naturgesetz verkauft wird - auf Reels, in Ausbildungen, in meinem eigenen früheren Reden.
Was, wenn …?
… ich mit einer Therapeutin arbeite, die polyvagal spricht? Kein Grund zur Sorge und kein Grund, sie zu „korrigieren". Entscheidend ist nicht das Vokabular, sondern ob die Arbeit dir hilft, Zustände zu bemerken und zu regulieren. Du darfst trotzdem fragen: „Ist das eine bewiesene Neurobiologie oder ein hilfreiches Bild?" Eine gute Behandlerin wird ehrlich mit dem Bild-Charakter umgehen.
… ich das Modell selbst hilfreich finde? Dann benutze es - als Landkarte, nicht als Diagnose. „Ich bin gerade eher im erstarrten Zustand" ist ein brauchbarer Satz. „Mein dorsaler Vaguskern ist dysreguliert" tut so, als wäre eine Messung gemacht worden, die nicht gemacht wurde.
… ich meine HRV tracke, um meinen ‚Zustand' zu sehen? Vorsicht. HRV/RSA misst etwas Reales über Herz-Atem-Kopplung, aber sie ist kein Anzeiger deines „polyvagalen Zustands" (Taylor et al. 2022). Wenn das Tracking dich beruhigt, gut. Wenn es ein neuer Anlass wird, dich ständig zu kontrollieren, schadet es mehr, als die Zahl wert ist.
… mir das alles den Boden unter den Füßen wegzieht? Verständlich - es ist unangenehm, ein Modell zu verlieren, das Halt gegeben hat. Aber der Halt lag nie im Nucleus ambiguus. Er lag in der Erfahrung, einen Zustand benennen und beeinflussen zu können. Diese Erfahrung bleibt. Nur das lateinische Etikett fällt weg, und das hat dir ohnehin nie geholfen - es hat nur wissenschaftlich geklungen.
Häufige Fragen
Ist die Polyvagal-Theorie widerlegt?
In ihrer evolutionsbiologischen Fassung weitgehend ja. Paul Grossman (2016) bezeichnet sie als „Zombie-Theorie", weil ihre Kernannahmen - ein evolutionär neuer ventraler Vagus-Ast und die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) als dessen spezifischer Marker - der vergleichenden Physiologie und der RSA-Forschung nicht standhalten (Grossman & Taylor 2007; Grossman 2016; Taylor et al. 2022). Nicht widerlegt ist der klinische Nutzen, mit Atmung, Sicherheit und Zustands-Sprache zu arbeiten. Das Modell ist als Naturgesetz falsch und als Landkarte brauchbar.
Was ist die 'Zombie-Theorie'?
„Zombie-Theorie" ist die Bezeichnung, mit der Paul Grossman 2016 die Polyvagal-Theorie belegte: ein Modell, das empirisch eigentlich tot ist, aber weiterläuft, weil es klinisch und kulturell attraktiv ist. Gemeint ist nicht, dass alles daran Unsinn sei, sondern dass die tragende evolutionäre Begründung als widerlegt gilt und das Modell trotzdem weit verbreitet bleibt (Grossman 2016).
Misst meine HRV meinen 'polyvagalen Zustand'?
Nein. Die Herzratenvariabilität (und speziell die RSA) misst etwas Reales über die Kopplung von Herzschlag und Atmung, hängt aber stark vom Atemmuster ab und lässt sich nicht eindeutig einem einzelnen Vagus-Ast oder einem psychischen „Zustand" zuordnen (Grossman & Taylor 2007; Taylor et al. 2022). Eine niedrige HRV bedeutet nicht „im Shutdown". Wer sein Befinden aus einer Tracking-Zahl abliest, deutet etwas Reales überzogen.
Soll ich aufhören, mit dem ventral/sympathisch/dorsal-Modell zu arbeiten?
Nicht zwingend. Als grobe Landkarte - ruhig-verbunden, mobilisiert, erstarrt - hilft das Dreierschema vielen Menschen, Zustände zu benennen und zu regulieren. Problematisch wird es erst, wenn man es als bewiesene Neuroanatomie ausgibt oder daraus eine Pseudo-Diagnose macht. Benutze es als Bild, nicht als Befund.
Heißt 'Theorie widerlegt' auch 'Therapie wirkungslos'?
Nein. Atemarbeit, das bewusste Erleben von Sicherheit im Körper und das Benennen von Zuständen können wirken - unabhängig davon, ob die polyvagale Begründung stimmt. In der Medizin ist es häufig, dass eine Methode aus anderen Gründen hilft als den behaupteten. Die Kritik trifft die evolutionäre Theorie, nicht die klinische Praxis.
Was bleibt von der Polyvagal-Theorie übrig?
Eine phänomenologische Dreiteilung erlebbarer Zustände (ruhig / aufgedreht / erstarrt), die sich grob mit Hyper- und Hypoarousal aus der Stressforschung deckt, sowie die therapeutische Haltung „zuerst Sicherheit, dann Technik". Beides ist als Heuristik und Sprachangebot brauchbar. Nicht haltbar ist die evolutionsbiologische Erzählung, die Porges darum gebaut hat (Grossman 2016; Taylor et al. 2022).
Quellen
- Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation. W. W. Norton. Primärquelle der kritisierten Theorie
- Grossman, P., & Taylor, E. W. (2007). Toward understanding respiratory sinus arrhythmia: Relations to cardiac vagal tone, evolution and biobehavioral functions. Biological Psychology, 74(2), 263-285. doi:10.1016/j.biopsycho.2005.11.014
- Grossman, P. (2016). Reflections on "Vagal influences on respiratory sinus arrhythmia" - bzw. zur polyvagalen Annahme. Biological Psychology, 113, 1-3. doi:10.1016/j.biopsycho.2015.11.004 „Zombie-Theorie"-Einordnung
- Taylor, E. W., et al. (2022). The phylogeny and ontogeny of autonomic control of the heart and cardiorespiratory interactions - zur RSA-Spezifität. Biological Psychology, 172, 108382. doi:10.1016/j.biopsycho.2022.108382
Ich-Bericht mit konstruiertem Rahmen. Die anderen Figuren sind anonymisierte Komposit-Personen - reale Begegnungen aus der Erinnerung, verdichtet und erzählerisch ausgeschmückt; keine realen Einzelpersonen. Fachliche Aussagen sind mit Quellen belegt. Kein Therapie-Ersatz.
